Schwellenländer: Chancen nutzen, während sich die Wahrnehmung wandelt
Warum die Schwellenländer heute anders aussehen – und welche Chancen sich daraus ergeben.

Dauer: 7 Minuten
Datum: 08. Juni 2026
Diese Sichtweise ist geprägt von vergangenen politischen und wirtschaftlichen Krisen, ungleichmäßigem Wachstum und strukturellen Risiken, die diese Anlageklasse über lange Zeit charakterisiert haben. Doch sie entspricht zunehmend weniger der heutigen Realität der Schwellenländer.
In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Fundamentaldaten verändert, die Institutionen wurden gestärkt, die Bilanzen haben sich verbessert und die Märkte sind gereift.
Diese Diskrepanz – zwischen dem, was Anleger glauben, und dem, was die Daten zeigen – erklärt, warum Schwellenländer nach wie vor zu den am geringsten gewichteten Segmenten im globalen Aktienuniversum zählen.
Anteil von Schwellenländer-Aktienfonds am globalen Aktienvermögen
Was hält Anleger also zurück? Und warum beginnen sie, ihre Haltung zu überdenken?
Die Wahrnehmungslücke: Was Anleger immer noch glauben
Die am weitesten verbreitete Wahrnehmung ist, dass Schwellenländer von Natur aus riskanter sind als Industrieländer.
Diese Einschätzung ist historisch nicht unbegründet. Krisenphasen in Schwellenländern hinterlassen weiterhin einen bleibenden Eindruck – von der asiatischen Finanzkrise bis hin zu den wiederholten Zahlungsausfällen Argentiniens – und verstärken nach wie vor die Bedenken hinsichtlich Währungsschwankungen, unberechenbarer Geldpolitik und politischer Instabilität.
Liquidität ist ein weiteres häufiges Thema. Viele Anleger verbinden Schwellenländer nach wie vor mit geringen Handelsvolumina und einer Abhängigkeit von ausländischem Kapital, was Marktbewegungen in Stressphasen verstärken kann.
Es gibt auch ein allgemeines Missverständnis hinsichtlich der Größe. Schwellenländer werden oft als zu klein angesehen, um von Bedeutung zu sein – eher als Beimischung denn als Kernbestandteil globaler Portfolios.
Für sich genommen sind diese Ansichten verständlich. Zusammengenommen zeichnen sie jedoch ein Bild einer Anlageklasse, die weniger stabil, weniger liquide und weniger relevant ist als ihre Pendants in den Industrieländern.
Die Evidenzlücke: Wie die Märkte heute aussehen
Die heutige Realität ist differenzierter.
Beginnen wir mit dem Risiko. Die relative Volatilität von Schwellen- und Industrieländern hat sich in den letzten Jahren angeglichen, was die verbesserte makroökonomische Stabilität in vielen Volkswirtschaften widerspiegelt. Die Bilanzen haben sich verbessert und die Verschuldung der Unternehmen ist inzwischen deutlich niedriger ist als in den USA [1]. Viele Schwellenländer sind auch außenwirtschaftlich solide aufgestellt, gestützt durch höhere Devisenreserven und verbesserte internationale Kapitalbeteiligungen.
Auch die Zusammensetzung der Anlageklasse hat sich verändert. Heute konzentriert sich der Großteil des Engagements in Schwellenländeraktien auf große exportorientierte Volkswirtschaften wie China, Korea, Taiwan und Indien, die zusammen rund 77 % des MSCI Emerging Market Index ausmachen [2]. Diese Märkte weisen zunehmend Merkmale auf, die man eher mit entwickelten Volkswirtschaften verbindet, darunter tiefere Kapitalmärkte, stabilere Währungen und fortschreitende Marktreformen.
Parallel dazu hat sich die Liquidität verbessert. Die Marktkapitalisierung hat sich seit 2017 mehr als verdoppelt und die Beteiligung inländischer Investoren trägt dazu bei, eine stabilere Finanzierungsbasis zu schaffen.
In China beispielsweise machen Privatanleger fast 30 % des Handelsvolumens aus, was die Abhängigkeit von kurzfristigen internationalen Kapitalströmen verringert [3]. In Indien befinden sich gar zum ersten Mal seit über 20 Jahren mehr indische Aktien im Besitz inländischer als ausländischer Investoren [4].
Schließlich die Größe: Die Schwellenländer machen rund 24 % der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung aus und repräsentieren auf Basis der Kaufkraftparität mehr als 61 % des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zudem entfiel in den vergangenen Jahren etwa 70 % des globalen Wirtschaftswachstums auf diese Länder [5].
Kurz gesagt: Die Schwellenländer stehen nicht mehr am Rande. Sie sind von zentraler globaler Bedeutung für Wachstum, Produktion und Kapitalbildung.
Die Allokationslücke: Warum sich die Portfolios nur langsam anpassten
Wenn sich die Fundamentaldaten verbessert haben, warum sind dann die Allokationen in Schwellenländern bis 2025 dennoch gesunken?
Ein Teil der Antwort liegt in struktureller Trägheit. Portfolioallokationen passen sich in der Regel nur allmählich an, insbesondere wenn sie auf langjährigen Annahmen zu Risiko und Diversifikation basieren.
Ein weiterer Faktor ist die Zusammensetzung der Indizes. Trotz ihres wirtschaftlichen Gewichts sind Schwellenländer in globalen Aktienindizes nach wie vor unterrepräsentiert. Allein China macht rund 12 % des globalen Aktien-Streubesitzes aus, aber nur etwa 3 % des MSCI ACWI Index [6]. Dies führt zu einer systematischen Verzerrung: Portfolios, die auf globalen Benchmarks basieren, sind möglicherweise von Natur aus in Schwellenländern untergewichtet.
Wie bereits hervorgehoben, spielen verhaltensbedingte Verzerrungen - die durch frühere Erfahrungen geprägt sind - weiterhin eine Rolle.
Gleichzeitig haben die Industrieländer – insbesondere die USA – starke Renditen erzielt, was die bestehenden Allokationen verstärkt hat. Diese Performance ging jedoch mit einer zunehmenden Konzentration auf die USA einher. Während Konzentration an den Aktienmärkten ein weit verbreitetes Phänomen ist, das zum großen Teil durch passive ETF-Zuflüsse getrieben wird, verteilt sich die Konzentration in den Schwellenländern stärker auf verschiedene Regionen, wobei kein einzelner Markt dauerhaft dominiert.
China erreichte seinen Höchststand 2020, als es 40 % des Index ausmachte. Ende April 2026 lag dieser Anteil jedoch nur noch bei 23 %, während inzwischen Taiwan den größten Anteil stellt [7]. Dies deutet auf eine strukturelle Spannung um Kapital innerhalb der Schwellenländer hin, die in globalen Indizes nicht vorhanden ist.
Was könnte eine Neubewertung auslösen?
Historisch gesehen folgen Verschiebungen in der Allokation eher Veränderungen der Marktbedingungen, als dass sie diesen vorausgehen.
Phasen der Volatilität wirken oft als Katalysator, indem sie Konzentrationsrisiken aufdecken und Anleger veranlassen, ihre Diversifizierung zu überdenken. Ebenso können Wendepunkte an den Märkten – etwa Währungszyklen oder Veränderungen in globalen Investitionsmustern – Kapital in Richtung der Schwellenländer umlenken.
Die jüngsten Entwicklungen haben begonnen, genau diese Rolle zu übernehmen. Wieder aufflammende geopolitische Spannungen und eine Zunahme von Handelsbarrieren haben die Unsicherheit an den Märkten verstärkt und dazu beigetragen, den Fokus der Anleger zu verschieben. Im Jahr 2025 übertrafen die Schwellenländer laut MSCI-Daten die Industrieländer um mehr als 10 Prozentpunkte, da sich verbessernde Fundamentaldaten und unterstützende politische Rahmenbedingungen zunehmend die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich zogen.
Zudem wirken derzeit auch starke strukturelle Kräfte: Eine Wiederbelebung der Investitionen in die Realwirtschaft – angetrieben durch Dekarbonisierung, Diversifizierung der Lieferketten, Digitalisierung und steigende Verteidigungsausgaben – treibt einen neuen Investitionszyklus an. Schwellenländer stellen einen Großteil der industriellen Kapazitäten, des technischen Know-hows und der Rohstoffbasis bereit, die dafür benötigt werden.
Dies hat direkte Auswirkungen auf die Unternehmensgewinne. Historisch betrachtet war das Wachstum in Schwellenländern stets eng mit globalen Investitionszyklen verknüpft - und erste Anzeichen dafür, dass sich dieser Zusammenhang wieder verstärkt, sind bereits erkennbar. In einer Welt steigender Investitionsausgaben gewinnen die Produzenten an Bedeutung – und über genau diese verfügen die Schwellenländer.
Abschließende Gedanken…
In 20 Jahren kann sich viel ändern. Einst als zu riskant abgetan, haben sich die Schwellenländer zu einer robusteren, widerstandsfähigeren und strukturell wichtigeren Anlageklasse entwickelt. Dennoch spiegeln die Allokationen der Anleger immer noch eine frühere Ära wider.
Um diese Lücke zu schließen, ist keine radikale Umstellung über Nacht erforderlich. Es bedarf jedoch einer Neubewertung lang gehegter Annahmen, insbesondere da sich die Triebkräfte des globalen Wachstums weiter verschieben.
Denn im heutigen Marktumfeld könnte das größere Risiko möglicherweise nicht darin bestehen, in Schwellenländer zu investieren – sondern darin, ihre Bedeutung weiterhin zu unterschätzen.
[1] [2] [3] [4] [6] [7] Quelle: Aberdeen, MSCI, Dezember 2025.
[5] Goldman Sachs Investment Research, Mai 2026.
Anlagen in Schwellenländern können unter anderem aufgrund höherer politischer, steuerlicher, wirtschaftlicher, wechselkursbezogener, liquiditätsbezogener und regulatorischer Risiken mit einem höheren Risiko verbunden sein als Anlagen in weiter entwickelten Märkten.




