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Makroökonomische Entwicklungen lassen sich nicht vorhersagen – versuchen Sie es also gar nicht erst

Advocatus Diaboli: Die makroökonomische Lage mag unsicher sein, aber das Ignorieren von Regimen birgt Risiken für Portfolios.

Autor
Chief Economist, Aberdeen Investments

Dauer: 3 Minuten

Ein häufig geäußertes Argument, das ich von Marktteilnehmern höre – insbesondere von reinen Bottom-up-Anlegern – , lautet, dass sich makroökonomische Entwicklungen nicht prognostizieren lassen und es sich daher nicht lohne, dies überhaupt zu versuchen. Ich halte das für falsch. Nicht völlig falsch, aber falsch genug, um Auswirkungen darauf zu haben, wie Portfolios aufgebaut und Risiken gesteuert werden.

Beginnen wir mit dem Teil, an dem diese Aussage Recht hat. Das letzte Jahrzehnt war geprägt von wiederholten makroökonomischen Schocks, die in keinem Basisszenario enthalten waren: eine Pandemie, mehrere durch Kriege ausgelöste Energieschocks und den stärksten Inflationsanstieg seit einer Generation. Zusammenhänge, die einst stabil schienen – zwischen Wachstum und Inflation, zwischen Wirtschaftspolitik und Märkten oder zwischen Aktien und Anleihen –, sind instabiler geworden.

Wenn also behauptet wird, dass die Makroökonomie unübersichtlich, ungewiss und anfällig für Überraschungen ist, stimme ich zu.

Aber bei dem Schritt von „unsicher“ zu „unvorhersehbar“ bin ich anderer Meinung.

Denn hinter all dem Rauschen verbergen sich makroökonomische Marktphasen bzw. -regime. Und diese Regime sind von Bedeutung.

Die Schocks entwickeln sich zu strukturellen Problemen

Nehmen wir die Inflation. Während eines Großteils der 2010er Jahre war die Inflation strukturell gedämpft, was es den Zentralbanken ermöglichte, die Märkte mit minimalen Einschränkungen abzusichern. Heute ist die Inflation volatiler und reagiert empfindlicher auf Angebotsschocks – seien sie geopolitischer, klimatischer oder politischer Natur. Das verändert die Reaktion der Zentralbanken und damit auch, wie die Märkte sowohl risikobehaftete als auch risikofreie Vermögenswerte bewerten.

Oder nehmen wir die Geopolitik. Es gab eine Zeit, in der Anleger plausibel argumentieren konnten, dass geopolitische Ereignisse selten zu anhaltenden Marktbewegungen führten. Diese Argumentation wirkte jedoch schon vor dem Konflikt im Nahen Osten zunehmend fragwürdig. Heute sieht die Realität so aus, dass die Geopolitik direkten Einfluss auf Handelswege, Lieferketten, Energiepreise und letztlich Inflation und Wachstum hat.

Darüber hinaus sind diese wiederkehrende Schocks keine Einzelfälle. Vielmehr handelt es sich um Verschiebungen in der zugrunde liegenden Natur des makroökonomischen Umfelds hin zu dauerhaft erhöhten geopolitischen Risiken und einer zunehmenden Dominanz von angebotsseitigen Schocks.

Makroökonomie als „unvorhersehbar“ abzutun, kann ein bequemer Weg sein, um unangenehme Unsicherheiten zu vermeiden.

Was dies für Portfolios bedeutet

Und gerade bei der Analyse dieser strukturellen Verschiebungen kommt der Makroökonomie die größte Bedeutung zu.

Ich glaube nicht, dass der eigentliche Mehrwert von Makroökonomen darin besteht, das BIP des nächsten Quartals auf eine Dezimalstelle genau vorherzusagen. Vielmehr geht es darum, die Bandbreite möglicher Entwicklungen bei zentralen ökonomischen Variablen – Wachstum, Inflation, Politik – zu ermitteln und zu verstehen, wie sich diese Verteilungen im Laufe der Zeit verschieben könnten.

Mit anderen Worten: Bei der Makroökonomie geht es weniger um Punktprognosen als vielmehr um zugrunde liegende Marktregime und Szenarioanalysen.

Und das ist für Portfolios von entscheidender Bedeutung. Eine Welt, in der Inflationsrisiken symmetrisch um ein 2-Prozent-Ziel verteilt sind, unterscheidet sich erheblich von einer Welt, in der die Inflation dauerhaft nach oben oder unten verzerrt ist. Und eine Welt, in der geopolitische Entwicklungen nur Hintergrundrauschen sind, unterscheidet sich erheblich von einer Welt, in der sie wichtige Schifffahrtswege sperren und globale Lieferketten unterbrechen können.

Diese Veränderungen zu ignorieren, lässt die Risiken nicht verschwinden. Es bedeutet lediglich, dass man nicht auf sie vorbereitet ist.

Ich glaube auch, dass hier ein verhaltensbezogener Aspekt eine Rolle spielt. Makroökonomie als „unvorhersehbar“ abzutun, kann ein bequemer Weg sein, um sich unangenehmer Unsicherheit zu entziehen. Es ist einfacher, sich auf Unternehmenskennzahlen zu konzentrieren, als sich mit komplexen, sich ständig verändernden makroökonomischen Risiken auseinanderzusetzen.

Doch diesen Luxus können sich Anleger nicht leisten. Makroökonomie mag ungewiss sein – aber sie ist gleichzeitig auch einer der Haupttreiber des Umfelds, in dem alle Vermögenswerte bewertet werden.

Abschließender Gedanke

Ja, Makroökonomie ist heute anspruchsvoller als früher. Ja, sie erfordert Demut. Und ja, wir werden nicht immer richtig liegen.

Aber das ist kein Grund, es nicht weiter zu versuchen.

Es ist vielmehr ein Grund, anders über Makroökonomie zu denken: weniger als Prognoseinstrument, sondern vielmehr als Rahmenwerk, um Risiken, Marktphasen und die Bandbreite möglicher Zukunftsszenarien zu verstehen, in denen sich Portfolios behaupten müssen.

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