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Der Investment-Ausblick

Aberdeen House View: Weiter investiert bleiben, aber nach der Erholung das Risiko reduzieren

Die Aktienmärkte haben sich nach dem anfänglichen Schock im Nahen Osten deutlich erholt. Die anhaltende globale Konjunkturbelebung spricht dafür, in Märkten mit starken fundamentalen Fundamentaldaten investiert zu bleiben – doch erhöhte geopolitische Risiken legen eine Reduzierung des Engagements und eine stärkere Diversifizierung nahe.

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Dauer: 7 Minuten

Der Aberdeen- House View hat sein positives Signal für Aktien aus Schwellenländern (EM) nach der starken Erholung aufgrund des anhaltenden Konfliktrisikos reduziert. Die Signale bleiben für Aktien und Anleihen aus Schwellen- und Industrieländern (DM) leicht positiv, gestützt durch andere fundamentale Faktoren. Private Credit wurde auf „neutral“ herabgestuft, während der US-Dollar als wichtigstes Diversifikationsinstrument gegen einen Energieschock angesehen wird. 

Geopolitik: Risiken stehen weiterhin im Vordergrund

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts befinden sich die USA und der Iran in einem fragilen Waffenstillstand, wobei die Fortschritte auf dem Weg zu einer dauerhaften diplomatischen Lösung nur zögerlich vorankommen.

Unser Basisszenario geht von einer Einigung und einer schrittweisen Wiederöffnung der Straße von Hormus aus. Gleichwohl besteht jedoch auch weiterhin eine erhebliche Wahrscheinlichkeit für einen erneuten Konflikt und/oder eine wesentlich länger anhaltende Störung der globalen Energiemärkte.

So oder so unterstreicht dieser Konflikt zentrale Grundsätze unseres langfristigen Ausblicks: Das geopolitische Risiko ist strukturell erhöht, was eine höhere und volatilere Inflation impliziert, während die Korrelationen zwischen Anleihen und Aktien wahrscheinlich zunehmend positiv werden.

Zudem bekräftigt er einen zentralen Grundsatz unseres House View: Kurzfristiges Market Timing ist schwierig. Portfolios sollten daher weiterhin auf langfristige Treiber ausgerichtet und so aufgebaut sein, dass sie Schocks durch Diversifizierung statt durch reaktive Risikominderung auffangen können. Dies untermauert unsere Betonung des US-Dollars als Absicherung, auch wenn wir anderswo risikofreudige Positionen beibehalten.

Wirtschaft: weiterhin Wachstum, aber etwas schwächer – und mit höherer Inflation

In einem plausiblen Basisszenario – in dem die Ölpreise für einen weiteren Monat im Durchschnitt bei etwa 100 US‑Dollar je Barrel liegen und anschließend wieder zurückgehen würde das globale Wachstum in diesem Jahr um rund 30 Basispunkte niedriger ausfallen als sonst, während die globale Inflation um etwa 50 Basispunkte höher läge.

Mit einem globalen BIP-Wachstum von 3,2 % und einer globalen Inflation von 4,0 % im Jahr 2026 sind diese Ergebnisse jedoch weit entfernt von Stagflation oder Rezession. Fiskalische Lockerung, KI-bezogene Investitionen und nachlassende Unsicherheit hinsichtlich der US-Zölle dürften das globale Wachstum weiterhin stützen.

Der Anstieg der Inflation ist für die Zentralbanken ungünstig, bleibt aber deutlich unter den Werten nach der Pandemie. Daher bleibt eine gewisse weitere geldpolitische Lockerung in Volkswirtschaften wie den USA und Großbritannien im weiteren Verlauf dieses Jahres möglich.

Die größeren wirtschaftlichen Risiken liegen in negativen Szenarien, in denen die Straße von Hormus länger geschlossen bleibt und die Ölpreise stark ansteigen. Der House View berücksichtigt Szenarien mit Ölpreisen von bis zu 180 US-Dollar pro Barrel. Das könnte eine Inflation im hohen einstelligen Bereich, Rezessionen in vielen Volkswirtschaften und starke Zinserhöhungen bedeuten.

Unternehmensrisiken: positiv, aber Reduzierung nach der Erholung

Wir behalten eine positive Einschätzung des Unternehmensrisikos bei, sind jedoch nach der jüngsten Rallye vorsichtiger.

In den Industrieländern bleibt die Gewinnentwicklung stützend, unterstützt durch Investitionen in KI, fiskalische Lockerungen und anhaltendes Wirtschaftswachstum. Die US-Wirtschaft scheint relativ gut vor dem geopolitischen Schock geschützt zu sein. Technologiewerte sind teuer, befinden sich aber noch nicht im Bubble-Bereich. Japanische Aktien können weiterhin von Unternehmensreformen und dem Engagement in erfolgreichen Technologieunternehmen profitieren. Europäische Aktien erscheinen aus Bewertungsgründen attraktiv.

Wir haben das positive Signal für Aktien aus Schwellenländern nach einer deutlichen Erholung vom anfänglichen geopolitischen Ausverkauf reduziert. Angesichts der anhaltenden Risiken im Nahen Osten ist es ein guter Zeitpunkt, die Positionen in Schwellenländeraktien zu reduzieren. Mittelfristig gibt es jedoch weiterhin positive Argumente für diese Anlageklasse, da Schwellenländer von den Lieferketten für KI-Hardware sowie von Sektoren mit hoher Kapitalintensität und geringer Veralterungsgefahr profitieren.

Nach der deutlichen Erholung von dem anfänglichen geopolitischen Ausverkauf reduziert haben wir das positive Signal für Aktien aus Schwellenländern (EM) zunächst reduziert. Die anhaltenden Risiken im Nahen Osten sprechen dafür, jetzt EM‑Aktienpositionen zu reduzieren. Gleichzeitig bleibt aber der mittelfristige Ausblick für diese Anlageklasse positiv: Schwellenländer profitieren von den Lieferketten für KI‑Hardware sowie von Sektoren mit hoher Kapitalintensität und geringem Risiko technologischer Veralterung durch Fortschritt.


Kurz gesagt: Wir kalibrieren und balancieren das Aktienrisiko neu aus – ziehen uns jedoch nicht davon zurück.

Anleihen: Carry-Erträge, Diversifizierung von Wachstumsrisiken, aber durch höhere Inflation bedroht

Wir behalten unsere positive Einschätzung globaler Anleihen bei, wenn auch mit wichtigen Vorbehalten.

Staatsanleihen können nach wie vor Abwärtsrisiken beim Wachstum diversifizieren, insbesondere wenn der Energieschock die Nachfrage belastet. Die Märkte sind nach dem Anstieg der Inflation möglicherweise zu zuversichtlich hinsichtlich künftiger Zinserhöhungen geworden und unterschätzen die Abwärtsrisiken beim Wachstum, die eine gute Performance von Anleihen ermöglichen würden.

Allerdings dürften erhöhte Verteidigungsausgaben, steigender fiskalischer Druck und ein struktureller Anstieg der Inflationsvolatilität die Zinskurven steil und die Laufzeitprämien langfristiger Anleihen auf hohem Niveau halten.

Anleihen aus Schwellenländern in lokaler Währung bleiben attraktiv, gestützt durch solide Fundamentaldaten, eine negative Nettoemission und selektivem Spielraum für weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen. Wir bevorzugen Lateinamerika und Frontier Markets gegenüber Asien, wo der Energiepreisschock am stärksten zu spüren ist.

Die Gesamtrenditen im Unternehmensanleihen-Bereich bleiben attraktiv, während die Ausfallraten mangels einer starken Konjunkturabkühlung wahrscheinlich niedrig bleiben dürften - auch wenn die Bewertungen eine größere Selektivität erfordern.

US-Dollar: der wichtigste Diversifikator gegenüber dem Energieschock

Der US-Dollar war neben den Energierohstoffen eine der wenigen wirksamen Absicherungen im Portfolio gegen geopolitische Eskalationen und Energiepreisspitzen. Das liegt daran, dass die US-Wirtschaft relativ gut vor dem Schock abgeschirmt ist.

Gleichzeitig hat die Nominierung von Kevin Warsh als neuem Vorsitzenden der Federal Reserve weniger Zweifel an der institutionellen Glaubwürdigkeit der USA aufkommen lassen, als zu Beginn des Auswahlverfahrens befürchtet worden war.

Wenn jedoch die geopolitischen Risiken nachlassen sollten, könnte das Thema einer schrittweisen Umschichtung weg von US-Vermögenswerten wieder an Bedeutung gewinnen und den US-Dollar belasten. Das positive Signal für den US-Dollar im Aberdeen House View ist also in erster Linie durch seine Rolle als Portfolio-Absicherung begründet und weniger als Richtungs-Trade.

Private Markets: Infrastruktur > Immobilien > Private Credit

Private Markets bleiben ein wichtiger Bestandteil des House View, allerdings mit deutlichen Unterschieden.

Infrastruktur ist unsere Anlageklasse mit der höchsten Überzeugung, gestützt durch langfristige strukturelle Rückenwindfaktoren. Dazu gehören steigende Verteidigungsausgaben, der Ausbau der Energieinfrastruktur und die von unserem Research identifizierten erheblichen globalen Investitionslücken im Infrastrukturbereich.

Der globale Immobilienmarkt bleibt positiv, gestützt durch eine starke Mieternachfrage und ein begrenztes Angebot. Höhere Anleiherenditen erhöhen jedoch die Unsicherheit bei der Bewertung.

Private Credit wurde auf „neutral“ zurückgestuft, was die gedämpfte Stimmung nach vielbeachteten Fondsbeschränkungen und Bedenken hinsichtlich der vertraglichen Gläubigerschutzklauseln widerspiegelt. In den hochwertigeren, Investment-Grade-Segmenten von Private Credit bestehen weiterhin solide strukturelle Argumente, doch scheinen sich die Kreditvergabestandards in den unteren Marktsegmenten zu stark gelockert zu haben.

Gesamtpositionierung

Die Aberdeen House View spricht sich weiterhin dafür aus, investiert zu bleiben - nach der Markterholung allerdings mit einer größeren Ausgewogenheit:

  • Leicht positive Einschätzung bei Aktien und Anleihen, sowohl in Industrieländern als auch in Schwellenländern

  • Reduziertes Engagement in Schwellenländeraktien nach starker Performance

  • Positive Positionierung bei Duration und Credit zur Erzielung von Carry und Diversifizierung

  • US-Dollar als wichtige Absicherung gegen geopolitische und energiebedingte Schocks

  • Infrastruktur als herausragende Anlageklasse in den Private Markets, bei gleichzeitig größerer Vorsicht bei Private Credit

In einer Welt anhaltender Unsicherheit bleibt Diversifikation – und nicht Market-Timing – der Grundpfeiler für die Widerstandsfähigkeit eines Portfolios.


Tabelle 1: Aberdeen House View: Mai 2026

Die hier geäußerten Ansichten sind nicht als Beratung oder Anlageempfehlung hinsichtlich der Zusammenstellung eines Portfolios oder der Frage, ob eine bestimmte Anlage gekauft, gehalten oder verkauft werden sollte, zu verstehen. Die Prognose stellt eine Einschätzung dar und spiegelt nicht die potenzielle Wertentwicklung wider. Die Prognose ist nicht garantiert, und die tatsächlichen Ereignisse oder Ergebnisse können erheblich davon abweichen.

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