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Der Investment-Ausblick

Makro: Orientierung finden in einer Welt mit erhöhten geopolitischen Risiken

Geopolitische Entwicklungen beeinflussen zunehmend Inflation, Volatilität und Renditen. Häufige Angebots und Lieferkettenstörungen stellen traditionelle Annahmen zur Diversifikation infrage. In einer sich wandelnden Welt stellt sich die Frage, worauf es für Anlegerinnen und Anleger wirklich ankommt – und wie sich Portfolios entsprechend weiterentwickeln sollten.

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Dauer: 5 Minuten

Geopolitische Schocks rücken wieder in den Mittelpunkt der Investmentlandschaft

Geopolitische Ereignisse prägen die Märkte zunehmend. Von Störungen der Energieversorgung über Handelskonflikte bis hin zu Finanzsanktionen – geopolitische Entwicklungen beeinflussen Inflation, Volatilität und Renditen immer häufiger, oftmals abrupt und schwer vorhersehbar.

Der Versuch, den Verlauf einzelner Konflikte im Voraus zu prognostizieren, erweist sich dabei selten als erfolgversprechend. Der jüngste Konflikt zwischen den USA und dem Iran ist ein Beispiel dafür: Waffenruhen können fragil sein, Situationen sich rasch verändern und die Marktvolatilität deutlich ansteigen. Die Erfahrung zeigt, dass eine reaktive Anlageentscheidung auf Basis von Schlagzeilen kein verlässlicher Weg ist, um langfristige Renditen zu erzielen.

Gleichzeitig geben solche Ereignisse Hinweise auf die übergeordnete Richtung der globalen Wirtschaft. Auch wenn der kurzfristige Verlauf unsicher bleibt, lassen sich strukturelle Trends erkennen, auf die Anlegerinnen und Anleger mit Überzeugung setzen können – und die erhebliche Auswirkungen auf Inflation, Zinsen und die Portfoliokonstruktion haben.

Eine weniger stabile Welt

Das vergleichsweise ruhige geopolitische Umfeld von den 1990er‑Jahren bis Mitte der 2010er war eher die Ausnahme als die Regel. Diese Phase war geprägt von zunehmender Globalisierung, wachsendem Welthandel und internationaler Zusammenarbeit. Sie trug dazu bei, Inflation niedrig zu halten, Volatilität zu dämpfen und über lange Zeiträume stabile Markterträge zu ermöglichen.

Heute zeigt sich ein deutlich anderes Bild. Die geopolitische Macht wird fragmentierter, und die USA sind weniger bereit – oder weniger in der Lage –, als globale Stabilisierungskraft zu fungieren. Der Wettbewerb zwischen den großen Mächten nimmt zu, und wirtschaftliche Beziehungen werden zunehmend von strategischen Erwägungen statt allein von Effizienz bestimmt.

Infolgedessen dürfte das geopolitische Risiko strukturell höher bleiben als in der Vergangenheit und damit ein dauerhaftes Merkmal des Investmentumfelds werden.

Engpässe als Machtinstrumente

Ein besonders sichtbarer Ausdruck dieses Wandels ist die wachsende Bedeutung sogenannter „Chokepoints“ – kritischer Handelsrouten oder Systeme, deren Störung wirtschaftlichen Druck ausüben kann.

Die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Energieversorgung transportiert wird, ist ein bekanntes Beispiel. Ähnliche Verwundbarkeiten bestehen an Orten wie der Bab al‑Mandab Meeresstraße zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden, dem Panamakanal oder der Straße von Taiwan, wo Unterbrechungen globale Handels- und Lieferketten beeinträchtigen können.

Neben physischen Engpässen werden zunehmend auch finanzielle und industrielle Schlüsselpositionen strategisch genutzt. Die USA setzen ihren Einfluss auf das dollarbasierte Finanzsystem zur Durchsetzung von Sanktionen ein, während China im Rahmen von Handelskonflikten seine Dominanz bei kritischen Rohstoffen nutzt.

Für Anlegerinnen und Anleger ist die Schlussfolgerung klar: Disruptive Schocks dürften häufiger auftreten und die Märkte werden dafür höhere Risikoprämien verlangen.

Mehr Angebots­schocks und schwierigere Kompromisse

Aus wirtschaftlicher Sicht führt ein höheres geopolitisches Risiko zu mehr negativen Angebotsschocks. Diese treiben die Preise nach oben und belasten gleichzeitig das Wachstum – eine herausfordernde Kombination für Haushalte, Unternehmen und politische Entscheidungsträger.

Energieunterbrechungen sind dabei nur ein Beispiel. Auch Zölle, Exportbeschränkungen, klimabedingte Ereignisse oder Pandemien wirken über ähnliche Kanäle auf die Wirtschaft.

Langfristig könnten Unternehmen und Regierungen darauf reagieren, indem sie Produktionsprozesse zurückverlagern oder Lieferketten diversifizieren, um ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. So sinnvoll diese Maßnahmen sind, gehen sie häufig zulasten der Effizienz. Eine stärker heimische Produktion ist in der Regel kostspieliger und kann das Wachstum dauerhaft dämpfen.

Das Ergebnis ist ein anspruchsvolleres Umfeld für die Wirtschaftspolitik mit verschärften Zielkonflikten zwischen Wachstumsförderung und Inflationsbekämpfung.

 

Höhere Inflation und volatilere Märkte

Die Inflation dürfte künftig sowohl höher als auch volatiler ausfallen als in den Jahrzehnten vor der Pandemie.

Zentralbanken sehen sich zunehmend damit konfrontiert, die Inflation von über ihren Zielwerten liegenden Niveaus wieder zu senken, anstatt sie – wie lange Zeit nach der Finanzkrise – nach oben treiben zu müssen. Dies stellt eine grundlegende Umkehr der Rahmenbedingungen dar, die die Anlegererwartungen über viele Jahre geprägt haben.

Mit der Anpassung von Haushalten und Unternehmen könnten sich auch Inflationserwartungen und Lohnbildungsprozesse verändern, was es erschwert, die Inflation nach Schocks schnell unter Kontrolle zu bringen. In der Folge dürften auch die Zinsen volatiler bleiben, als es Anleger aus der Niedriginflationsphase gewohnt waren.

Eine wichtige Konsequenz daraus: Staatsanleihen bieten möglicherweise nicht mehr die verlässliche Diversifikation, die sie früher gewährleisteten. In einem Umfeld nachfrageseitiger Schocks bewegten sich Anleihen und Aktien häufig in entgegengesetzte Richtungen. Angebotsseitige Schocks hingegen können beide Anlageklassen gleichzeitig unter Druck setzen und die Wirksamkeit traditioneller Diversifikationsstrategien verringern.

 

Diversifikation neu denken

Vor diesem Hintergrund suchen Anleger verstärkt jenseits klassischer Asset‑Allokationen nach Diversifikation. Sachwerte wie Infrastruktur verfügen häufig über inflationsindexierte Einnahmenströme, während Rohstoffe direkt von Angebotsengpässen profitieren können. Gold hat sich historisch in Phasen erhöhter Inflation und geopolitischer Spannungen bewährt, und anhaltende Käufe von Zentralbanken zur Reduzierung der Abhängigkeit vom US‑Dollar könnten zusätzliche langfristige Unterstützung bieten.

Zudem dürfte ein erhöhtes geopolitisches Risiko nachhaltige Investitionen in Verteidigung, widerstandsfähige Infrastruktur und den Zugang zu kritischen Materialien begünstigen – Entwicklungen, die in Europa und den USA bereits deutlich zu beobachten sind.

Das Fazit

Die genaue Entwicklung geopolitischer Ereignisse vorherzusagen, ist außerordentlich schwierig. Die übergeordneten Konsequenzen werden jedoch zunehmend klarer. Eine fragmentiertere und konfliktreichere Welt spricht für höhere Inflationsrisiken, stärkere Marktvolatilität und eine geringere Verlässlichkeit von Anleihen als Diversifikationsinstrument.

Für langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger dürfte es entscheidender sein, ihre Portfolios an diese neue Realität anzupassen, als auf die jeweils neuesten Schlagzeilen zu reagieren.

 

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