Schwellenländer: Zeit für eine Neubewertung?
Angesichts sich verändernder makroökonomischer Rahmenbedingungen und einer zunehmenden Diversifizierung des Anlegerinteresses, rücken die Chancen in den Schwellenländern wieder stärker in den Blick.

Dauer: 3 Minuten
Datum: 24. Sept. 2026
Die Schwellenländer blieben in den vergangenen zehn Jahren weitgehend hinter den Industrieländern, insbesondere den USA, zurück. Die jüngste Entwicklung und die sich wandelnden makroökonomischen Rahmenbedingungen deuten jedoch darauf hin, dass sich das Umfeld möglicherweise verändert.
Zunächst gilt es zu verstehen, dass die Schwellenländer kein homogener Markt sind. Sie umfassen eine Vielzahl von Volkswirtschaften mit unterschiedlichen Wachstumsfaktoren und Risiken. Diese Streuung war in den letzten Jahren deutlich zu erkennen. Taiwan beispielsweise hat starke Renditen erzielt, während China aufgrund von Enttäuschungen über Maßnahmen zur Ankurbelung des Konsums die Performance des Gesamtindex belastet hat.1,2
Ein Wendepunkt in der Wertentwicklung
Nach einer längeren Phase der Underperformance gewannen die Schwellenländer im Jahr 2025 wieder an Schwung (Abbildung 1).
Abbildung 1: Outperformance der Schwellenländer (Renditen 2025 im Vergleich zu den Industrieländern)
Anhaltende Risiken
Die Aussichten für die Schwellenländer sind nicht ohne Herausforderungen. Geopolitische Spannungen, insbesondere die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten, bleiben eine Quelle der Unsicherheit.
Die Störung der globalen Energieversorgung – insbesondere durch die Straße von Hormus – könnte die Inflation anheizen und die energieimportierenden Volkswirtschaften in Asien unter Druck setzen.
Allerdings variiert die Anfälligkeit je nach Land. China beispielsweise dürfte aufgrund seiner Investitionen in heimische Energiekapazitäten und erneuerbare Energien relativ weniger anfällig sein, was sowohl die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit als auch die industrielle Entwicklung stützen könnte.
Drei strukturelle Treiber für Schwellenländer
Blickt man über die kurzfristige Volatilität hinaus, so stützen sich die Anlageargumente für die Schwellenländer unserer Ansicht nach heute auf drei strukturelle Faktoren, oder besser gesagt, auf die drei „C“: Carry, CapEx und Cheap.
Währungsdynamik (Carry)
Die Schwellenländer wurden mehr als ein Jahrzehnt von der US-Dollar-Stärke belastet. Ein schwächerer Dollar könnte angesichts der historisch umgekehrten Beziehung zwischen dem Dollar und der Wertentwicklung der Schwellenländer ein günstigeres Umfeld schaffen (Abbildung 2).
Abbildung 2: Schwellenländer können eine Absicherung gegen den Dollar darstellen
Ein globaler Investitionszyklus (CapEx)
Eine neue Phase globaler Investitionen ist im Gange, angetrieben durch:
Abbildung 3: Schwellenländer entwickeln sich tendenziell im Einklang mit den Investitionsausgaben
Relative Bewertungen (Cheap)
Schwellenländer werden weiterhin mit einem deutlichen Abschlag gegenüber den Industrieländern gehandelt (Abbildung 4), selbst nach den jüngsten Kursgewinnen. Dies spiegelt die bisherige Underperformance wider, deutet aber auch auf ein Wertpotenzial hin, sollte sich das Gewinnwachstum verbessern.
Abbildung 4: Die Bewertungen sind nach wie vor attraktiv[3]
Technologie
Jenseits der Schlagzeilen
Technologie bleibt einer der wichtigsten Wachstumstreiber in den Schwellenländern. Die Investmentchancen gehen jedoch zunehmend über die bekannten Technologiegiganten hinaus.
Die Indizes konzentrieren sich zunehmend auf eine kleine Anzahl großer Unternehmen. Langfristige Anlagechancen dürften jedoch über diese Titel hinausreichen. Während die Entwicklungen in den Bereichen Software und KI-Anwendungen weiterhin ungewiss sind, erscheint die zugrunde liegende Infrastruktur – Halbleiter, Speichertechnologien und Energieversorgung – deutlich berechenbarer. Viele dieser Schlüsselkompetenzen sind in den Schwellenländern angesiedelt, insbesondere in Asien.
Eine selektivere Wachstumsstory
Unserer Ansicht nach wird das traditionelle Narrativ eines breiten Konsumbooms der Mittelschicht zunehmend differenzierter. Während das strukturelle Wachstum in Märkten wie Indien und Teilen Südostasiens weiterhin stark ist, haben steigende Inflation und nachlassendes Vertrauen die Verbraucher in anderen Regionen beeinträchtigt. Infolgedessen sind die Chancen in den Konsumsektoren zunehmend differenziert und erfordern möglicherweise einen selektiveren Ansatz.
Abschließende Überlegungen
Insgesamt sind wir der Ansicht, dass die Schwellenländer heute ausgewogenere und vielschichtige Chancen bieten. Das Anlageargument wird nicht mehr von einem einzigen Thema getragen, sondern von einer Kombination aus Expansion in Industrie und verarbeitendem Gewerbe, technologischer Infrastruktur, Rohstoffzyklen und selektivem inländischem Wachstum. Zwar bestehen weiterhin Risiken, insbesondere aufgrund geopolitischer Faktoren und der Unsicherheit hinsichtlich des globalen Wachstums, doch deutet das aktuelle Umfeld darauf hin, dass die Schwellenländer nach einer längeren Phase der Underperformance nun in eine günstigere Phase eintreten könnten.
- MSCI Emerging Markets Index, Juni 2026.
- „Chinas Wirtschaft verliert zu Beginn des zweiten Quartals an Dynamik, da Konsum und Produktion im April hinter den Erwartungen zurückbleiben.“ Reuters, Mai 2026.Opens in new window
- Die Standardabweichung ist eine statistische Kennzahl zur Messung historischer Schwankungen. Je höher die Standardabweichung, desto stärker schwankte die Wertentwicklung einer Anlage in der Vergangenheit. Eine hohe Streuung deutet darauf hin, dass die Renditen eines Fonds stärker von den erwarteten durchschnittlichen Erträgen abweichen als bei Anlagen mit einer niedrigeren Standardabweichung.
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