Thematisches Investieren: Lieferketten im Wandel – neue Chancen durch Resilienz
Lieferketten stehen unter Druck. Doch wo könnten sich daraus die nächsten Chancen ergeben?

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The Investment OutlookDauer: 6 Minuten
Datum: 17. Aug. 2026
Die Spannungen in der Straße von Hormus haben erneut die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von einer kleinen Anzahl kritischer Routen, Lieferanten und Vorleistungen offenbart. Der Schock beschränkt sich nicht nur auf den Energiesektor. Er betrifft auch Düngemittel, Lebensmittel, Flugbenzin und Helium – mit Folgen für Branchen von der Landwirtschaft über die Luftfahrt bis hin zu Halbleitern und dem Gesundheitswesen.
Covid-19, der Krieg in der Ukraine, höhere Zölle und die jüngsten Turbulenzen im Nahen Osten weisen alle in dieselbe Richtung: Resilienz wird zu einem strukturellen Anlagethema.
Der jüngste Schock geht über Öl hinaus
Die Straße von Hormus gilt als kritischer Engpass für die weltweite Energieversorgung. Unsere Analyse einer Schließung oder einer schwerwiegenden Störung des Schiffsverkehrs in der Meerenge zeigt jedoch, dass die Folgen weit über die Energiemärkte hinausreichen.
Düngemittel sind ein Beispiel dafür. Etwa ein Drittel der weltweit auf dem Seeweg transportierten Rohstoffe für Düngemittel wurde früher durch die Meerenge befördert, darunter fast die Hälfte der weltweiten Harnstoff- und Schwefelvorräte sowie rund 30 % der weltweiten Ammoniakexporte. Seit Anfang März ist diese Versorgung praktisch zum Erliegen gekommen.
Der Druck beginnt am Anfang der Nahrungsmittel-WErtschöpfungskette. Höhere Düngemittelkosten können sich auf die Preise für Agrarprodukte, die Lebensmittelproduktion und die Verbraucherpreisinflation auswirken.
Auch die Düngemittelproduktion außerhalb der Golfregion ist teilweise auf regionales Flüssigerdgas (LNG) abhängig. Berichten zufolge sind die Lieferungen an indische Düngemittelwerke sollen um rund 70 % zurückgegangen, während fünf der sechs staatlichen Düngemittelwerke in Bangladesch die Produktion eingestellt haben.
Auch Transport und Technologie sind betroffen
Lebensmittel sind nicht der einzige Druckpunkt. Raffinerien in der Golfregion spielen eine wichtige Rolle bei der weltweiten Versorgung mit Flugbenzin.
Im Jahr 2025 importierte Europa 53 % seines Flugkraftstoffs aus der Golfregion, weitere 16 % stammten aus indischen Raffinerien, die Rohöl aus der Golfregion verarbeiteten. Höhere Preise und eine geringere Verfügbarkeit können sich direkt auf Fluggesellschaften auswirken, da die Treibstoffkosten in der Regel 20–40 % der Betriebskosten ausmachen.
Die Folgewirkungen gehen über die Luftfahrt hinaus. Die Luftfracht macht vom Volumen her zwar nur einen geringen Teil des weltweiten Handelsvolumens aus, hat gemessen am Warenwert jedoch eine deutlich größere Bedeutung. Störungen können daher Auswirkungen auf hochwertige Lieferketten haben, darunter Elektronik, Pharmazeutika und andere zeitkritische Güter.
Helium ist eine weitere, weniger offensichtliche Schwachstelle. Rund ein Drittel des weltweiten Angebots wird über die Meerenge transportiert, wobei Katar ein wichtiger Produzent ist. Helium lässt sich nur schwer ersetzen und ist für die Halbleiterindustrie, das Gesundheitswesen und die Luft- und Raumfahrt von entscheidender Bedeutung. Selbst große Halbleiterfabriken verfügen in der Regel nur über Vorräte für 30 bis 90 Tage.
Führende Chiphersteller wie Samsung und TSMC gewinnen jedoch 80–90 % ihres Heliumverbrauchs zurück, was ihnen eine größere Widerstandsfähigkeit verleiht als kleineren Herstellern. Störungen in der Lieferkette wirken sich somit nicht auf alle Unternehmen gleichermaßen aus.
Diese Beispiele verdeutlichen eine zentrale Erkenntnis: Widerstandsfähigkeit bedeutet heute nicht mehr nur, größere Lagerbestände vorzuhalten. Vielmehr geht es darum, zu entscheiden, welche Vorleistungen, Lieferanten und Transportwege für die Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit am wichtigsten sind.
Resilienz bedeutet nicht Rückzug
Es ist verlockend, aus den jüngsten Schocks den Schluss zu ziehen, dass sich die Globalisierung umkehrt und Resilienz bedeutet, die Produktion wieder ins eigene Land zurückzuholen. Die Realität ist jedoch differenzierter.
Unser US-Lieferkettenindex deutet darauf hin, dass der Druck auf die US-Lieferketten zwar zugenommen hat, aber weiterhin deutlich unter den nach der Pandemie beobachteten Extremwerten liegt.
Der Index stieg im Mai auf geschätzte 0,51 Punkte - den höchsten Stand seit September 2022. Er liegt aber immer noch unter den Höchstständen von 2021 und Anfang 2022. Den USA kamen gesündere Lagerbestände, weniger akuter Arbeitskräftemangel und flexiblere Beschaffungsstrukturen zugute.
Zölle haben die Lieferketten dazu gezwungen, sich anzupassen. Sie haben sie jedoch nicht zum Zusammenbruch gebracht.
Chinas Anteil an den US-Wareneinfuhren sank entlang der gesamten Wertschöpfungskette um 4,7 Prozentpunkte, während die Nachfrage nach Investitionsgütern aus anderen asiatischen Volkswirtschaften, insbesondere Vietnam und Taiwan, stieg. Mexiko hat sich zu einem Drehkreuz für KI-bezogene Produkte mit Bestimmungsort USA entwickelt, auch wenn dies zum Teil auf asiatische Vorprodukte und Umladungen zurückzuführen ist.
Die Lieferketten brechen nicht irreparabel auseinander, sondern werden neu gestaltet.
In arbeitsintensiven Branchen wie der Bekleidungsindustrie bedeutet Resilienz wahrscheinlich nicht, die gesamte Produktion zurück in die USA oder nach Europa zu verlagern. Häufiger dürfte es bedeuten, die Produktion auf kostengünstigere Produktionsstandorte zu diversifizieren und dabei Geschwindigkeit, Flexibilität und Zuverlässigkeit zu bewahren.
Was dies für Investoren bedeutet
Unternehmen und Regierungen überdenken derzeit, wo Waren produziert, wie Energie bezogen, wie Materialien transportiert und wie kritische Vorprodukte gesichert werden.
Dies könnte langfristige Investitionen in fortschrittliche Fertigung, Automatisierung, Logistiktechnologie, Energiesicherheit, Verkehrsinfrastruktur und kritische Rohstoffe begünstigen.
Nehmen wir das Beispiel Energie: Die Turbulenzen im Nahen Osten könnten die Argumente für eine stärker diversifizierte Versorgung untermauern - einschließlich eines verstärkten Transports von Flüssigerdgas (LNG) über lange Distanzen nach Asien. Gleichzeitig verstärken sie die allgemeinen Bemühungen zur Verbesserung der Energiesicherheit durch erneuerbare Energien und Kernkraft, die beide weiterhin erhebliche Investitionen anziehen.
Aus thematischer Anlageperspektive könnte dies Unternehmen begünstigen, die mit der LNG-Infrastruktur, dem Netzausbau und speziellen Technologien zur Unterstützung der Energiewende verbunden sind.
Das verarbeitende Gewerbe steht vor einem ähnlichen Wandel. Bekleidungszulieferer mit diversifizierten Produktionsstandorten könnten kurzfristig mit Störungen durch Zölle, Frachtkosten und Schwankungen bei den Inputpreisen konfrontiert sein. Doch gerade diese Standorte können sie zu wertvolleren Partnern für globale Marken machen, die Flexibilität und Widerstandsfähigkeit suchen.
Auch Schwellenländer könnten zukünftig eine größere Rolle spielen. Während einige Länder kurzfristig unter dem Druck steigender Lebensmittel-, Energie- und Transportkosten leiden dürften, könnten andere davon profitieren, wenn Unternehmen ihre Produktion stärker diversifizieren, regionale Beschaffungsstrukturen ausbauen und widerstandsfähigere Netzwerke aufbauen.
Abschließende Gedanken
Für thematisch orientierte Anleger ist es entscheidend, über vorübergehende Kursschwankungen hinauszuschauen und sich auf den strukturellen Wandel zu konzentrieren. Rohstoffpreise mögen in die Höhe schnellen oder fallen, doch die Unternehmen gestalten ihre globalen Produktionsnetzwerke neu, um höheren geopolitischen Risiken, zunehmendem Protektionismus und der steigenden Nachfrage nach Versorgungssicherheit Gerecht zu werden.
Chancen bieten jene Unternehmen, die dazu beitragen, Lieferketten flexibler, sicherer und widerstandsfähiger zu gestalten.

