
Der blinde Fleck der Märkte
Mein Standpunkt: Die nächste Wachstumsstory dürfte dort entstehen, wo heute noch kaum jemand hinschaut
Duration: 3 Minuten
Datum: 22. Sept. 2026
In den letzten Jahren hat eine relativ kleine Zahl außergewöhnlich erfolgreicher Unternehmen die Marktrenditen vorangetrieben. Heute sind rund zwei Drittel des MSCI ACWI in US-Aktien investiert, wobei der Technologiesektor das größte Sektorengagement darstellt. Diese Konzentration hat sich für Anleger reichlich ausgezahlt.
Doch diese Konzentration verändert die Frage nach der Diversifizierung.
Über weite Teile des vergangenen Jahrzehnts wurden Anleger dafür belohnt, ihr Kapital in eine vergleichsweise kleine Gruppe dominanter Unternehmen zu investieren. Rückblickend war diese Konzentration gut begründet: Viele der Unternehmen, die die Marktrenditen anführten, zählten zugleich zu den innovativsten, profitabelsten und finanzstärksten Unternehmen der Welt.
Meiner Ansicht nach entstehen jedoch viele der entscheidenden strukturellen Veränderungen in der Weltwirtschaft heute außerhalb jener Unternehmen, die die großen Indizes derzeit dominieren.
Meiner Ansicht nach entstehen jedoch viele der entscheidenden strukturellen Veränderungen in der Weltwirtschaft heute außerhalb jener Unternehmen, die die großen Indizes derzeit dominieren.
KI ist nicht nur eine Technologiegeschichte
Künstliche Intelligenz (KI) ist ein gutes Beispiel. Der Großteil der Debatte dreht sich verständlicherweise um Halbleiter, Software und die Unternehmen, die Large Language Modells (LLMs) entwickeln.
Aber ich glaube, dass Anleger weitaus weniger Zeit damit verbringen, über die physische Infrastruktur nachzudenken, die KI erst möglich macht.
Tatsächlich ist KI letztlich ebenso sehr eine Geschichte der realen Welt wie eine digitale. Hinter jeder KI-Abfrage steht ein riesiges Netzwerk aus Rechenzentren, Strominfrastruktur, Übertragungsnetzen, Kühlsystemen und Rohstoffen.
Da sich die Einführung von KI beschleunigt, wird erwartet, dass der Strombedarf von Rechenzentren im kommenden Jahrzehnt deutlich steigen wird. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass sich der weltweite Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln könnte, was größtenteils auf KI zurückzuführen ist. Um diesen Bedarf zu decken, sind erhebliche Investitionen in die Stromerzeugung, die Stromnetze und die Infrastruktur sowie in die Unternehmen erforderlich, die beim Aufbau dieser Infrastruktur helfen.
Grundlagen sind entscheidend
Ich sehe eine ähnliche Dynamik bei der Energiewende und der Elektrifizierung.
Während sich Investoren oft auf Elektrofahrzeuge, Batterietechnologien oder Entwickler erneuerbarer Energien konzentrieren, können die Grundlagen der Elektrifizierung leicht übersehen werden. Doch gerade diese Grundlagen ziehen einige der größten Kapitalinvestitionen der Weltwirtschaft an.
Allein für die weltweiten Stromnetze werden jährlich Investitionen in Höhe von mehr als 400 Milliarden US-Dollar erwartet, da die Länder erneuerbare Energien einbinden, den Verkehr elektrifizieren und den steigenden Strombedarf decken. Unter den derzeitigen politischen Rahmenbedingungen wird sich die Nachfrage nach wichtigen Mineralien für die Energiewende bis 2050 voraussichtlich mehr als verdoppeln.
Kupfer, Aluminium, Lithium und Seltene Erden ziehen vielleicht nicht dieselbe Aufmerksamkeit auf sich wie die Technologien, die sie erst ermöglichen. Doch ohne sie gäbe es viele dieser Technologien schlichtweg nicht.
Zusammenfassung
All diese Entwicklungen haben eines gemeinsam: Sie lenken erhebliche Kapitalmengen in neue Bereiche der Weltwirtschaft.
Dennoch nehmen sie in traditionellen Marktindizes oft nur einen bescheidenen Platz ein. Grundstoffe machen beispielsweise nur rund 2 % des MSCI ACWI aus, obwohl sie viele der Vorleistungen liefern, die für KI, Elektrifizierung und industrielle Expansion benötigt werden. Viele Anleger sind in diesem Sektor selbst im Vergleich zu dieser geringen Indexgewichtung untergewichtet.
Infolgedessen werden einige der Unternehmen, die kritische Materialien und Infrastruktur bereitstellen, zu Bewertungen gehandelt, die weitaus weniger anspruchsvoll sind als die der Technologiewerte, die die Marktentwicklung in den letzten Jahren dominiert haben.
Ich behaupte nicht, dass Anleger die Unternehmen aufgeben sollten, die die Märkte im letzten Jahrzehnt angeführt haben. Das wäre unklug.
Die Technologien, die die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich ziehen, sind wichtig.
Ich glaube jedoch, dass einige der größten Chancen des nächsten Jahrzehnts möglicherweise bei den Unternehmen liegen, die die Grundlagen dafür schaffen.
Über den Autor
Rosa Leo
Rosa Leo ist Associate Equity Investment Specialist bei Aberdeen. Einen Großteil ihrer Zeit widmet sie der Aufgabe, eine Brücke zwischen der Denkweise von Anlageexperten und den wichtigsten Anliegen der Anleger zu schlagen.
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