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Schwellenländermärkte

Schwellenländer: Orientierung im heutigen komplexen Handelsgefüge

Eine Einschätzung des zunehmend fragmentierten globalen Handelsumfelds, in dem sich Handelsströme verschieben und innerhalb der Schwellenländer zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen führen.

Autor
Investment Director, Emerging Market Equities
Senior Equity Specialist
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Dauer: 4 Minuten

Datum: 28. Sept. 2026

Wer profitiert tatsächlich von der neuen Handelsordnung, wenn der globale Handel immer unberechenbarer wird?

Die Debatte um die Deglobalisierung konzentriert sich häufig auf die negativen Folgen: steigende Zölle, zerbrochene Allianzen und eine Abkehr von jahrzehntelanger Handelsintegration. Für die Schwellenländer (EMs) sieht die Realität jedoch differenzierter aus. Anstelle eines klaren Bruchs mit der Globalisierung vollzieht sich derzeit eine Neuordnung der globalen Handelsbeziehungen – eine Entwicklung, die sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich bringt.

Jüngste Diskussionen verdeutlichen diese Zweischneidigkeit. Einerseits sorgen Zölle und geopolitische Spannungen für Unsicherheit, insbesondere für exportorientierte Volkswirtschaften. Andererseits fördern sie auch die Diversifizierung von Lieferketten und Handelsbeziehungen, da Unternehmen und Staaten gleichermaßen nach alternativen Partnern und Lieferanten suchen.

Dieser Wandel unterstreicht einen entscheidenden Punkt: Die Globalisierung endet nicht, sie entwickelt sich weiter (Abbildung 1).

Abbildung 1: Outperformance der Schwellenländer (Renditen 2025 im Vergleich zu den Industrieländern)

Margendruck trifft auf Preissetzungsmacht

Einer der deutlichsten Übertragungskanäle der Deglobalisierung ist der Margendruck. Steigende Inputkosten, darunter höhere Energiepreise, belasten bereits die Exporteure (Abbildung 2) und schmälern die Profitabilität in zahlreichen Branchen.

Abbildung 2: Asiens Abhängigkeit von Energie aus der Golfregion

Die Auswirkungen sind jedoch nicht gleichmäßig verteilt.

Qualitativ hochwertigere Unternehmen – insbesondere solche mit differenzierten Produkten oder strategischer Bedeutung – haben gezeigt, dass sie in der Lage sind, diesen Druck auszugleichen. Unternehmen mit starker Preissetzungsmacht, wie beispielsweise Halbleiterhersteller, konnten die gestiegenen Kosten weitergeben und in einigen Fällen die Preise über mehrere Produktlinien hinweg mehrfach anheben.

Im Gegensatz dazu sehen sich stärker standardisierte Branchen mit einer anderen Realität konfrontiert. In Sektoren wie der Textilindustrie, in denen Produkte Leichter austauschbar sind und der Wettbewerb intensiver ist, wird die Last durch Zölle und Preissteigerungen eher entlang der gesamten Wertschöpfungskette verteilt.

Warum das wichtig ist

Diese Divergenz verdeutlicht einen grundlegenden Trend: In einem fragmentierten Handelsumfeld hängt Widerstandsfähigkeit zunehmend von der Differenzierung ab.

Die Grenzen des Re-shorings

In den Industrieländern wird häufig die Rückverlagerung von Produktionskapazitäten ins eigene Land, das sogenannte Re-shoring, propagiert. In der Praxis schränken jedoch strukturelle Hürden ein, wie weit und wie schnell diese Verlagerung voranschreiten kann. Die Kostendynamik bleibt ein entscheidendes Hindernis. Arbeitsintensive Branchen wie die Bekleidungsindustrie werden sich wahrscheinlich nicht in nennenswertem Umfang in Regionen mit höheren Kosten verlagern, schlichtweg, weil die Wirtschaftlichkeit dies nicht zulässt.

Selbst in Branchen mit hoher strategischer Bedeutung – zum Beispiel in den Bereichen Technologie oder künstliche Intelligenz –, verläuft der Übergang weder schnell noch unkompliziert. Etablierte Produktionszentren, insbesondere in Asien, profitieren von tief verwurzelten Ökosystemen, qualifizierten Arbeitskräften und spezialisierter Infrastruktur, die sich nicht ohne Weiteres an anderer Stelle aufbauen lassen. Jeder Versuch, diese Kapazitäten an anderer Stelle wieder aufzubauen, dürfte sich über Jahre und nicht über Quartale erstrecken.

Warum das wichtig ist

Vor diesem Hintergrund erscheint Re-shoring weniger als eine grundlegende Umkehrung der Globalisierung, sondern eher als eine selektiver, langfristiger Anpassungsprozess.

Diversifizierung der Lieferketten

Risiko oder Chance?

Das vielleicht prägendste Merkmal des heutigen Handelsumfelds ist die Suche nach Alternativen. Da Unternehmen ihre Abhängigkeit von Lieferketten, die sich auf ein einziges Land – insbesondere China – stützen, verringern, zeichnen sich neue Nutznießer dieser Entwicklung ab.1  Länder wie Indien und Südkorea verzeichnen bereits eine steigende Nachfrage, da Unternehmen bestrebt sind, ihre Produktion und Beschaffung stärker zu diversifizieren.2

Diese Dynamik beschränkt sich nicht auf die kostengünstige Fertigung. Sie erstreckt sich auch auf komplexere und strategisch wichtigere Sektoren, darunter den Schiffbau und die Hightech-Industrie, in denen geopolitische Überlegungen die Beschaffungsentscheidungen zunehmend beeinflussen. In einigen Fällen vertiefen sich parallel zur Diversifizierung auch Partnerschaften, was die Beziehungen zwischen verbündeten Volkswirtschaften stärkt und gleichzeitig Handelsströme von anderen Ländern weg verlagert.

Warum dies von Bedeutung ist

Für die Schwellenländer könnte dies unserer Ansicht nach einen starken, wenn auch ungleichmäßigen Rückenwind schaffen – einen, der von der Positionierung in bestimmten Branchen, dem Ausbau ihrer Infrastruktur und der geopolitischen Ausrichtung geprägt ist.

Das Dilemma der Verbraucher

Zölle werden oft als Instrumente zum Schutz der heimischen Industrie dargestellt. Doch ihre nachgelagerten Auswirkungen lassen sich kaum ignorieren. In vielen Fällen führen Zölle letztendlich zu höheren Kosten für die Endverbraucher, entweder direkt durch Preiserhöhungen oder indirekt durch Effizienzverluste.

Dies führt zu einem grundlegenden Spannungsfeld im Kern der Deglobalisierung: Während Regierungen möglicherweise Resilienz und strategische Autonomie in den Vordergrund stellen, reagieren die Märkte weiterhin sensibel auf Kosten und Effizienz. Das Ergebnis ist ein Spannungsfeld, in dem wirtschaftliche und politische Ziele nicht immer miteinander im Einklang stehen.

Warum das wichtig ist

Für Exporteure aus Schwellenländern kann dieses Spannungsumfeld sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance sein – je nachdem, wo sie in der Wertschöpfungskette angesiedelt sind.

Wachstumshemmnisse, aber kein Einbruch

Trotz weit verbreiteter Sorgen waren die makroökonomischen Auswirkungen von Zöllen und der Fragmentierung des Welthandels bislang geringer als von vielen erwartet. Weder das Wachstum noch die Inflation haben die starken Verwerfungen erfahren, die zeitweise befürchtet wurden.

Dennoch bleibt die grundsätzliche Richtung klar. Handelsbarrieren und eine abnehmende Integration belasten tendenziell die gesamtwirtschaftliche Aktivität. Die Deglobalisierung ist nach wie vor eine negative Kraft für das globale Wachstum und das Handelsvolumen.

Der entscheidende Unterschied liegt zwischen kurzfristigen Auswirkungen und der langfristigen Entwicklung. Während die unmittelbaren Auswirkungen noch begrenzt sein mögen, könnte der kumulative Einfluss anhaltender Handelskonflikte und -hemmnisse im Laufe der Zeit weit stärker ins Gewicht fallen.

Abschließende Gedanken

Das sich abzeichnende Entwicklung ist nicht die eines Rückzugs, sondern eine Neuausrichtung. Die Deglobalisierung bringt zweifellos Herausforderungen mit sich – vom Margendruck über Störungen in den Lieferketten bis hin zu einem langsameren Wachstum des Welthandels. Doch sie beschleunigt auch Trends, die Anpassungsfähigkeit, strategische Positionierung und regionale Diversifizierung begünstigen. Für die Schwellenländer sind die Auswirkungen alles andere als einheitlich. Einige Volkswirtschaften und Sektoren werden mit Gegenwind zu kämpfen haben, insbesondere solche, die von standardisierten Exportgütern oder stark konzentrierten Handelsbeziehungen abhängig sind. Andere hingegen, insbesondere solche, die in kritischen Schlüsselindustrien verankert sind oder sich als alternative Drehkreuze für Produktion und Beschaffung positionieren können, könnten neue Wachstumsmöglichkeiten erschließen. In diesem Sinne geht es im aktuellen Umfeld weniger um das Ende der Globalisierung als vielmehr um den Beginn ihrer nächste Phase: ein fragmentierteres, stärker politisch beeinflusstes, aber nach wie vor eng vernetztes handelssystem. Die Frage lautet daher nicht, ob der globale Handel fortbestehen wird, sondern welche Schwellenländer am besten positioniert sind, um von den neu entstehenden Handelsströmen zu profitieren.

  1. 1. „EU will Abhängigkeit von China mit neuen Regeln zur Diversifizierung der Lieferketten verringern.“ Modern Diplomacy, Mai 2026. Öffnet in einem neuen FensterOpens in new window
  2. 2. „Kettenreaktion: US-Zölle und globale Lieferketten” Rhodium Group, Oktober 2025 Opens in new window

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