Insights
Fixed IncomeKurzlaufende Unternehmensanleihen: Erträge ohne Zinswette
Warum attraktive Erträge bei kurzlaufenden Anleihen keine exakte Zinsprognose voraussetzen.
Autor
James Kleppang
Investment Specialist

Duration: 4 Minuten
Datum: 16. Okt. 2026
Wenn die Vergangenheit Anleger eines gelehrt hat, dann, dass sich die Richtung der Zinsentwicklung nur selten mit Sicherheit vorhersagen lässt. Der Ausblick hängt zunehmend von Faktoren ab, die bekanntermaßen nur schwer prognostizierbar sind.
Nehmen wir den Ölpreis.
Die Financial Times wies kürzlich darauf hin, dass die Korrelation zwischen dem Ölpreis und der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen auf 65 % gestiegen ist. Damit liegt sie nahe an einem Niveau, das zuletzt um die Zeit des ersten Golfkriegs 1990 zu beobachten war.¹ Dieser Zusammenhang verdeutlicht, wie eng die Zinsaussichten inzwischen mit den Entwicklungen an den Energiemärkten verknüpft sind. Doch gerade der Ölpreis lässt sich nur schwer vorhersagen, da seine Entwicklung von geopolitischen Faktoren, der Inflation und den Reaktionen der Zentralbanken abhängt. Selbst für erfahrene Marktteilnehmer ist dies eine anspruchsvolle Aufgabe.
Für uns stellt sich daher eine praktischere Frage: Sollte die Unsicherheit über die weitere Zinsentwicklung Anleger davon abhalten, überhaupt in Anleihen zu investieren? Wir glauben, dass die Antwort Nein lautet. Tatsächlich können Phasen wie die aktuelle besonders attraktive Chancen bei kurzlaufenden Unternehmensanleihen bieten.
Dies ist nicht 2022
Die jüngsten Erfahrungen der Anleger mit steigenden Zinsen dürften ihre Anlageentscheidungen bis heute beeinflussen. Der rasante Anstieg von negativen Zinsen auf 4 % in den Jahren 2022–2023 führte zu einer der schwierigsten Phasen für Anleiheanleger seit Jahrzehnten.
Einige der Faktoren, die den heutigen Inflationssorgen zugrunde liegen, mögen zwar bekannt erscheinen, darunter angebotsseitige Störungen und höhere Energiepreise. Die Ausgangslage ist jedoch eine völlig andere. Der Einlagensatz der Europäischen Zentralbank liegt bereits bei 2,5 %. Damit starten die Zentralbanken von einem strukturell höheren Zinsniveau als noch 2021.
Daher gehen wir davon aus, dass eine weitere Straffung der Geldpolitik deutlich begrenzter ausfallen dürfte als im Zinserhöhungszyklus 2022–2023. Wir stehen heute nicht mehr vor einem Anstieg von negativen Zinsen auf 4 %. Vielmehr befinden sich die Zinsen bereits deutlich näher an einem Niveau, das historisch betrachtet als restriktiv gelten würde.
Auch die Märkte haben dieses Risiko rasch eingepreist. An den Terminmärkten wird für den Euro-Geldmarktsatz in einem Jahr bereits ein Niveau von rund 3,5 % erwartet. Dies deutet darauf hin, dass sich Anleger weitgehend auf die Möglichkeit einer weiteren geldpolitischen Straffung eingestellt haben.
Auch wenn Liquidität in einem Zinserhöhungszyklus attraktiv erscheinen mag, warten die Anleihemärkte nicht darauf, dass Zinserhöhungen tatsächlich umgesetzt werden, bevor sie diese einpreisen. Ein Großteil der Renditeanpassung erfolgt bereits mit veränderten Erwartungen, häufig lange bevor die Zentralbanken tatsächlich handeln.
Da die Anleihemärkte bereits eine deutliche Neubewertung vollzogen haben, werden Anleger heute für einen erheblichen Teil der Unsicherheit über den weiteren Zinsverlauf entschädigt.
Und selbst wenn die Zinsen noch etwas weiter steigen sollten, zeigen sich kurzlaufende Unternehmensanleihen weiterhin robust. Die Breakeven-Renditen für Unternehmensanleihen mit Laufzeiten von ein bis drei Jahren liegen nahe ihren Zehnjahreshochs. Das bedeutet, dass die Renditen um mehr als 2,5 % steigen müssten, bevor Anleger über einen Zeitraum von zwölf Monaten eine negative Rendite verzeichnen würden.
Höhere Renditen eröffnen eine seltene Chance
Die Rendite ein- bis dreijähriger Euro-Unternehmensanleihen liegt derzeit bei rund 3,8 %. In den vergangenen zehn Jahren lag sie lediglich bei rund 25 % der monatlichen Beobachtungen über 3,25 %. Damit bietet das aktuelle Renditeniveau im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit eine vergleichsweise seltene Chance.
Die Historie zeigt, dass sich solche Phasen häufig als attraktive Einstiegszeitpunkte erwiesen haben. Nachdem die Renditen die Marke von 3,25 % überschritten hatten, lagen die anschließenden annualisierten Renditen über Zeiträume von 12, 24 und 36 Monaten im Durchschnitt bei 5,0 %, 4,7 % beziehungsweise 4,6 %.
Abbildung 1: Index für Euro-Unternehmensanleihen mit 1–3 Jahren Laufzeit: Durchschnittliche Renditen nach Phasen mit Renditen von über 3,25 %
Mit anderen Worten: Anleger erzielten Erträge oberhalb der Ausgangsrendite, da sich laufende Erträge kumulierten und sich die Zinszyklen stabilisierten.
Auch der Vergleich mit Liquidität fällt aus unserer Sicht überzeugend aus. Bei Ausgangsrenditen von über 3,25 % erzielten kurzlaufende Unternehmensanleihen in 73 % der darauffolgenden Zwölfmonatszeiträume eine höhere Rendite als Liquidität. Über 24 Monate stieg dieser Anteil auf 82 % und über 36 Monate auf 97 %.
Auch das Ausmaß der Outperformance war beachtlich und lag im Durchschnitt zwischen 1,6 % und 1,8 % pro Jahr. Kurz gesagt: Anleger, die weiterhin Liquidität halten und auf ein klareres Zinssignal warten, könnten die Chancen verpassen, die sich aus dem derzeit höheren Renditeniveau ergeben.²
Fazit
Wir wollen damit nicht sagen, dass die Zinsen nicht weiter steigen können. Ebenso wenig behaupten wir, dass geopolitische Risiken keine Rolle mehr spielen. Entscheidend ist vielmehr, dass sich die heutige Ausgangslage grundlegend von der Situation im Jahr 2022 unterscheidet. Die Märkte haben bereits eine deutliche Neubewertung vollzogen, die Renditen liegen erheblich höher und Anleger werden für einen beträchtlichen Teil der bestehenden Unsicherheit entschädigt.
Für Anleger, die laufende Erträge anstreben, bedeutet dies: Die Argumente für kurzlaufende Unternehmensanleihen hängen nicht davon ab, die Entwicklung des Ölpreises, die Entscheidungen der Zentralbanken oder den weiteren Zinsverlauf exakt vorherzusagen. Die Short Dated Enhanced Income Strategy von Aberdeen zielt darauf ab, diese Chance zu nutzen und gleichzeitig die Sensitivität der Anleger gegenüber weiteren Zinsänderungen zu begrenzen.
- Source: Financial Times, Cboe, Oil/10-year Treasury, 3-month rolling correlation 29 Sept 2026
- Source: BofA ICE Indices covering December 1996 to Aug 2026




