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US Small Caps: Zeit für einen neuen Blick?

Fokus auf Qualität trotz kurzfristiger Marktschwankungen – und was sich als Nächstes ändern könnte.

US SMALL CAPS

Dauer: 6 Minuten

Wir verwalten seit 15 Jahren nordamerikanische (NA) Small Caps – durch alles andere als ruhige Zeiten hinweg: von der Pandemie über abrupte Marktumschwünge bis hin zu erneuten geopolitischen Spannungen.

Teams haben sich verändert, doch eines blieb konstant: ein konsequenter, qualitätsorientierter Ansatz, bei dem die Fundamentaldaten im Mittelpunkt stehen und nicht die Schlagzeilen.

Heute ist diese Disziplin wichtiger denn je, da sich Bewertungen neu ausrichten, die Gewinnentwicklung dreht und die Märkte beginnen, über die Dominanz von Mega-Caps hinauszublicken.

Anlässlich dieses Jubiläums haben wir mit dem Portfoliomanager Christopher Colarik darüber gesprochen, warum sich die Chancen möglicherweise gerade verschieben und warum Anleger ihre Small-Cap-Allokationen neu überdenken sollten.

 

US-Großunternehmen wurden in den letzten Jahren gegenüber Small Caps bevorzugt. Dreht sich nun die Entwicklung?

Nach einer längeren Phase relativer Underperformance sind wir der Ansicht, dass US-Small-Caps aktuell so gut aufgestellt sind wie lange nicht mehr. Die Bewertungen erscheinen attraktiv, die Gewinndynamik verbessert sich, und obwohl makroökonomische Unsicherheiten weiterhin bestehen, ist das wirtschaftliche Gesamtumfeld unterstützend.

 

Sie haben die Bewertungen angesprochen. Können Sie das näher erläutern?

Eines der überzeugendsten Argumente für US-Small-Caps ist für uns ihre attraktive Bewertung.

Der S&P 500 wird aktuell mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis im niedrigen bis mittleren 20er-Bereich gehandelt – über seinem 10-Jahres-Durchschnitt von etwa dem 18‑ bis 20‑Fachen. Im Gegensatz dazu werden Small Caps (repräsentiert durch den S&P 600, den wir als qualitativ hochwertigeren Small-Cap-Index ansehen) mit Multiples im mittleren Zehnerbereich gehandelt, womit sie unter ihren langfristigen Durchschnittswerten (gemäß Daten von Bloomberg und FactSet) liegen.

Für Anleger, die bereit sind, über die Mega-Cap-Gewinner der letzten Jahre hinauszublicken, bietet diese Bewertungslücke einen zunehmend attraktiven Einstiegspunkt – sowohl historisch als auch im Vergleich zu Large Caps.

Unterstützt der Abwärtstrend bei den Zinsen ebenfalls die Argumentation für nordamerikanische Small Caps?

Absolut. Die Zinsen sind ein zentraler Faktor für die Small-Cap-Story.

In den vergangenen 15 Monaten hat die US-Notenbank (Fed) bereits spürbare Zinssenkungen vorgenommen, wodurch das Zinsniveau auf etwa 3,5–3,75 % gesunken ist. Wichtig ist jedoch: Die Wirkung von Zinssenkungen tritt nicht sofort ein. In der Regel dauert es 12 bis 18 Monate, bis sich die Effekte in der Realwirtschaft zeigen – das bedeutet, dass die positiven Auswirkungen erst jetzt sichtbar werden.

Viele kleinere Unternehmen haben variabel verzinste Schulden, sodass sinkende Zinsen die Finanzierungskosten direkt reduzieren. Niedrigere Finanzierungskosten schaffen Spielraum für Reinvestitionen, Neueinstellungen und M&A-Aktivitäten. Lockerere Finanzierungsbedingungen stützen zudem die Konsumnachfrage, was wiederum inländisch ausgerichteten Unternehmen zugutekommt.

Während Entwicklungen im Nahen Osten Inflationsdruck erzeugen und Zinssenkungen bremsen könnten, hat Kevin Warsh, der nächste Fed-Vorsitzende, signalisiert, dass er für eine lockerere Geldpolitik offen ist. Sollten die Zinssenkungen fortgesetzt werden, würde sich das unterstützende Umfeld für Small Caps weiter verstärken.

 

Welche weiteren Faktoren sind hervorzuheben?

Ein wichtiger Punkt ist die Verbesserung der Gewinnentwicklung.

Small Caps verzeichneten im vergangenen Jahr ein Gewinnwachstum gegenüber dem Vorjahr – wenn auch leicht unter den Erwartungen. Entscheidend ist jedoch, dass die Richtung stimmt. Die Gewinnschätzungen für 2026 erscheinen für Small Caps stärker als für Large Caps.

Das hat mehrere Gründe: Small Caps verfügen in der Regel über eine stärker inländisch ausgerichtete Umsatzbasis und könnten daher überdurchschnittlich profitieren, wenn das US-Wachstum anzieht. Zudem gehen die Konsumenten mit einer höherer Kaufkraft in diese Phase, unterstützt durch fiskalpolitische Maßnahmen wie den „One Big Beautiful Bill“.

Gleichzeitig haben viele kleinere Unternehmen ihre Margen bereits optimiert, da sie während der Phase mit hohen Zöllen zu Effizienzsteigerungen gezwungen waren.

Kurz gesagt: Die Gewinnimpulse, die über weite Teile des letzten Zyklus fehlten, beginnen sich jetzt wieder zu zeigen – und aus unserer Sicht sind sie in den Märkten noch nicht vollständig eingepreist.

 

Die US-Small-Cap-Strategie von Aberdeen basiert auf einem Qualitätsansatz. Was bedeutet das und wie könnte sich Qualität im aktuellen Marktumfeld entwickeln?

Nicht jede Form von „Qualität“ ist gleich. Wir definieren diesen Begriff nicht ausschließlich über Profitabilität. Für uns zeigt sich Qualität in mehreren Dimensionen.

Wir legen großen Wert auf die Branchenpositionierung. So prüfen wir beispielsweise, ob ein Unternehmen in einem attraktiven, strukturell unterstützten Markt tätig ist. Wir bewerten die Umsetzungskompetenz des Managements, einschließlich der bisherigen Erfolgsbilanz, Kapitalallokationsentscheidungen und der Fähigkeit, Mehrwert aus Übernahmen zu generieren. Die Stärke der Bilanz ist entscheidend – insbesondere die Fähigkeit, Wachstum zu finanzieren und sich bietende Chancen opportunistisch zu nutzen.

Zusätzlich achten wir auf nachhaltige Profitabilität anhand von Kennzahlen wie Eigenkapitalrendite und Kapitalrendite über einen längeren Zeitraum. Diese Tiefe der Analyse ermöglicht es uns, ein relativ konzentriertes Portfolio aufzubauen, in dem jede Position eine klare Überzeugung widerspiegelt.

Historisch betrachtet, sehen wir nach Markt-Tiefpunkten häufig eine kurze Phase hoher Performance von schwächeren („Low Quality“) Titeln. Sobald diese Phase abklingt – was unserer Ansicht nach bereits geschehen sein könnte – übernehmen qualitativ hochwertige Small Caps wieder die Führung.

Deshalb sehen wir nicht nur einen Wendepunkt für Small Caps insgesamt, sondern auch einen Zeitpunkt, an dem ein disziplinierter, qualitätsorientierter Ansatz seine Stärken besonders gut ausspielen kann.

 

Wo sehen Sie aktuell die attraktivsten Chancen?

Besonders interessant sind für uns konsumnahe Unternehmen, die von steigenden diskretionären Ausgaben profitieren dürften. Zudem favorisieren wir Industrieunternehmen, die von Trends wie Onshoring und Reshoring profitieren. Zulieferer für schwere Maschinen und Anlagen erscheinen ebenfalls attraktiv – gewissermaßen die „Schaufeln und Spitzhacken“ eines zunehmenden Investitionszyklus.

Über all diese Bereiche hinweg zeigt sich ein gemeinsamer Nenner: profitable, gut kapitalisierte Unternehmen, die in sich verbessernden Branchen tätig sind und bei denen die Gewinnerwartungen nach oben revidiert werden.

 

Was sagen Sie Anlegern, die Small Caps als zu risikoreich ansehen?

Small Caps weisen zwar eine höhere Einzelvolatilität auf als Large Caps, was Anleger insbesondere in stressigen Marktphasen zurückhaltend macht.

In der Praxis werden Small Caps jedoch selten isoliert gehalten. Traditionell hat eine ausgewogene Mischung aus großen und kleinen Unternehmen dank Diversifikationseffekten ein ähnliches Gesamtrisiko wie ein reines Large-Cap-Portfolio geliefert. Das wahrgenommene Risiko ist oft höher als das tatsächlich realisierte Risiko – und genau daraus können Chancen entstehen.

 

Abschließende Gedanken…

Nach einem Jahrzehnt, das von Mega Caps und enger Marktführerschaft geprägt war, könnten sich die Rahmenbedingungen nun zugunsten von US-Small-Caps verschieben.

Attraktive Bewertungen, eine sich verbessernde Gewinndynamik und ein sich wandelndes makroökonomisches Umfeld mit potenziell fallenden Zinsen weisen alle in dieselbe Richtung. Für Anleger, die ihren Blickwinkel erweitern – und neu bewerten, wo Qualität tatsächlich zu finden ist – könnten kleinere Unternehmen im nächsten Zyklusabschnitt wieder eine bedeutende Rolle in Portfolios spielen.

 

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