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Fixed IncomeDer KI-Boom erreicht die Anleihemärkte – sollte Anleger das interessieren?
Erfahren Sie wie die Geschichte rund um künstliche Intelligenz (KI) nicht mehr nur eine Aktien-, sondern zunehmend auch eine Anleihegeschichte wird.
Autor
Luke Hickmore
Investment Director, Fixed Income
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Duration: 6 Minuten
Datum: 24. Juli 2026
In den vergangenen zwei Jahren wurde das Thema künstliche Intelligenz (KI) fast ausschließlich als Erfolgsgeschichte der Aktienmärkte erzählt – mit stark steigenden Kursen, ambitionierten Bewertungen und einer Handvoll Technologiekonzerne an der Spitze der Entwicklung. Hinter den Schlagzeilen vollzieht sich jedoch ein leiser, aber bedeutender Wandel, der insbesondere für Investoren relevant ist, die auf regelmäßige Erträge aus ihren Anlagen angewiesen sind.
Der physische Ausbau der KI-Infrastruktur – also Rechenzentren, Stromanschlüsse und Netzwerke – erfordert enorme Investitionen. Ein immer größerer Teil dieser Ausgaben wird mittlerweile über Fremdkapital finanziert. Dadurch wird KI zunehmend auch zu einem Thema für Anleiheinvestoren.
Von Eigen- zu Fremdkapital
Das Ausmaß ist beeindruckend: Laut CreditSights werden die fünf größten US-Technologiekonzerne, die massiv in KI investieren („Hyperscaler“) – Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta und Oracle – in diesem Jahr rund 600 Milliarden US-Dollar in Infrastruktur investieren, wobei der Großteil auf KI-bezogene Projekte entfällt.
Bis vor Kurzem finanzierten diese Unternehmen ihr Wachstum größtenteils aus eigener Kraft. Das hat sich geändert. Nach Angaben von S&P Global Market Intelligence hat sich das Volumen der emissionsbezogenen Verschuldung für Rechenzentren 2025 auf rund 180 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Allein die Hyperscaler begaben Anleihen im Wert von 121 Milliarden US-Dollar – mehr als das Vierfache des Durchschnitts der vergangenen fünf Jahre.
Alphabet (Muttergesellschaft von Google) emittierte sogar eine seltene 100-jährige Anleihe in britischen Pfund. Das verdeutlicht, dass es sich nicht nur um ein US-amerikanisches, sondern auch um ein europäisches bzw. britisches Thema handelt.
Für Anleihegläubiger bedeutet dies sowohl eine Chance als auch eine Veränderung der Spielregeln. Jahrelang wurden diese mit AA- bzw. A-Ratings ausgestatteten Unternehmen als eine Art „Cash-plus“-Investment betrachtet – mit äußerst soliden Bilanzen und geringem Finanzierungsbedarf. Heute emittieren sie Schulden in einer Größenordnung, die Investoren dazu zwingt, genauer hinzusehen: Wie nachhaltig ist die Rückzahlungsfähigkeit? Wie wirkt sich die Flut neuer Anleiheemissionen auf den Markt aus? Und wann werden sich die enormen Investitionen tatsächlich auszahlen?
Investitionen und Verschuldung steigen rasant
Abbildung 1: Investitionsausgaben (Capex) der fünf größten Hyperscaler (in Mrd. US-Dollar); Prognose für 2026. Das durchschnittliche jährliche Anleiheemissionsvolumen lag vor 2025 bei etwa 28 Mrd. US-Dollar. Quellen: Unternehmensberichte, BofA Securities und Analystenschätzungen.
Worauf Anleiheinvestoren tatsächlich achten
Der Kauf einer Anleihe zur Finanzierung eines Rechenzentrums unterscheidet sich grundlegend vom Kauf einer Technologieaktie.
Wer Aktien hält, setzt darauf, dass KI die Unternehmensgewinne deutlich steigert. Wer Anleihen hält, hofft in erster Linie auf regelmäßige Zinszahlungen und die Rückzahlung des Kapitals am Laufzeitende. Man trägt Risiken, ohne in gleichem Maße an möglichen Kurssteigerungen zu partizipieren. Entsprechend unterscheiden sich die entscheidenden Fragestellungen:
Woher kommt die Energie?
Rechenzentren benötigen enorme Mengen an Strom. Der Zugang zum Stromnetz kann über den Erfolg oder Misserfolg eines Projekts entscheiden.- Wer ist der Mieter und wie bonitätsstark ist er?Ein Großteil der Schulden wird über langfristige Verträge zur Nutzung von Rechen- und Speicherkapazitäten bedient. Der Wert der Anleihe hängt daher maßgeblich von der Kreditwürdigkeit der Nutzer und der Qualität der Mietverträge ab.
- Was passiert, wenn die Technologie sich weiterentwickelt?Falls heutige Chip-Technologien innerhalb weniger Jahre überholt werden, könnte ein Gebäude, dessen Finanzierung über acht oder zehn Jahre läuft, seinen Zweck verlieren, lange bevor die Schulden zurückgezahlt sind.
Diese Risiken unterscheiden sich deutlich von klassischen Unternehmensanleihen. Im Mittelpunkt stehen Aspekte wie die termingerechte und budgetkonforme Fertigstellung eines Projekts, die Qualität der Mieter sowie die Stabilität der vertraglichen Vereinbarungen. Die Fragestellungen ähneln eher denen bei Mautstraßen oder Kraftwerken als denen eines traditionellen Unternehmensfinanzierers.
Genau darin liegt der entscheidende Punkt: Ein großer Teil dieser Finanzierungen ähnelt Infrastrukturinvestitionen. Die Rückzahlung basiert auf langfristigen Verträgen und physischen Vermögenswerten – nicht primär auf dem laufenden Geschäftsbetrieb eines Unternehmens.
Öffentliche und private Märkte – zwei Zugänge zum gleichen Thema
Es gibt im Wesentlichen zwei Wege, in diesen Markt zu investieren, und aktive Fondsmanager nutzen beide:
1. Öffentliche Anleihemärkte
Die Investment-Grade-Anleihen der Hyperscaler zählen mittlerweile zu den größten Quellen neuer Emissionen am Markt.
2. Private Credit
Zunehmend werden Rechenzentren über spezielle Finanzierungsstrukturen im privaten Kreditmarkt finanziert. Diese Vehikel erhalten Kapital von privaten Kreditgebern und Versicherungen und sind durch die Gebäude selbst sowie durch die Verträge mit den Technologieunternehmen abgesichert.
Bei Aberdeen investieren wir sowohl in börsengehandelte Anleihen als auch in Private Credit. Aus unserer Sicht ist diese Breite entscheidend. Die Möglichkeit, eine börsennotierte Anleihe eines Hyperscalers direkt mit einer privat finanzierten Rechenzentrumsstruktur zu vergleichen und das attraktivere Risiko-Rendite-Verhältnis zu identifizieren, gehört zum Kern aktiven Managements.
Ein passiver Anleihefonds besitzt typischerweise mehr von den Emittenten, die die größten Schuldenvolumina ausgeben. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass er die attraktivsten Anleihen hält.
Private Credit ist am stärksten den Risiken rund um Rechenzentren ausgesetzt
Abbildung 2: Geschätzter Anteil der einzelnen Kreditmärkte mit Bezug zu Rechenzentren und Software-Risiken (oberes Szenario). Quelle: Aberdeen Global Macro Research, Szenarioanalyse Q2 2026 (Daten: UBS). Darstellung eines möglichen Negativszenarios.
Wo KI auf unseren Investmentprozess trifft
Interessanterweise verändert dieselbe Technologie, die die Anleihemärkte umgestaltet, auch die Art und Weise, wie wir sie analysieren.
Wir nutzen KI-Werkzeuge, um deutlich mehr Forschungs- und Marktdaten auszuwerten, als ein Team allein verarbeiten könnte. Dadurch können wir Muster erkennen, die eine nähere Untersuchung verdienen, und zugleich unsere eigenen Anlageideen kritisch hinterfragen. Richtig eingesetzt ersetzt KI nicht menschliches Urteilsvermögen – sie schafft Freiraum für Analysen und Entscheidungen, die tatsächlich Mehrwert generieren.
In der Praxis unterstützt KI uns bei alltäglichen Aufgaben, beispielsweise indem sie:
- vor Börsenbeginn Anleihen identifiziert, die im Verhältnis zu ihrem Risiko zu günstig oder zu teuer erscheinen,
- Einschätzungen von Brokern innerhalb von Minuten statt Stunden anhand eigener Daten überprüft,
- Risiko- und Positionsdaten über zahlreiche Portfolios hinweg zusammenführt,
- erste Entwürfe standardisierter Research-Dokumente erstellt.
Vereinfacht gesagt übernimmt KI einen Großteil der rückblickenden Analyse historischer Daten, sodass sich unsere Analysten stärker auf zukünftige Entwicklungen konzentrieren können. Das Urteil bleibt jedoch stets beim Menschen – die Analyse wird lediglich effizienter.
Abschließender Gedanke
KI ist längst nicht mehr ausschließlich eine Aktiengeschichte. Da der Ausbau der Infrastruktur zunehmend über Fremdkapital finanziert wird, entstehen neue Chancen – aber auch neue Risiken – für Anleiheinvestoren.
Die Gewinner werden nicht unbedingt diejenigen sein, die das größte KI-Engagement aufweisen. Erfolgreich werden vielmehr diejenigen sein, die zwischen einer gut strukturierten, solide besicherten Anleihe und einer anfälligen Finanzierung unterscheiden können.
Dafür braucht es sorgfältige, aktive Analyse – und zunehmend auch den intelligenten Einsatz von Technologie auf beiden Seiten des Investmentprozesses.
[1] https://introl.com/blog/data-center-deals-61-billion-record-december-2025
[2] https://www.cnbc.com/2026/02/23/big-techs-ai-bond-binge-shatters-unspoken-contract-with-investors.html




